
Wie alle anderen habe auch mir als Jugendlicher natürlich die Frage gestellt, was ich aus meinem Leben machen möchte. Ich habe mich gefragt, was meine Stärken und Wünsche sind. Mathematik war mein Lieblingsfach, deshalb dachte ich zunächst an ein Studium in diesem Bereich. Gleichzeitig wollte ich für andere Menschen da sein. Da kamen Psychologie, Medizin und der Priesterberuf in Betracht. Schließlich entschied ich mich für den Weg als Priester, weil ich darin vieles von dem verwirklichen konnte, was mir wichtig war: Menschen begleiten, Hoffnung vermitteln und nach den großen Fragen des Lebens suchen. Rückblickend kann ich sagen: Ich habe mich richtig entschieden.
An erster Stelle steht für mich Jesus Christus. Wenn ich die Evangelien lese und auf sein Leben schaue, begegnet mir eine Tiefe und Kraft, die meinem Leben Orientierung gibt. Geprägt hat mich auch Viktor Frankl. Er war mein Lehrer in der Psychotherapieausbildung und hat sich, angetrieben von seinen Erlebnissen in den Konzentrationslagern, ein Leben lang mit der Sinnfrage auseinandergesetzt hat. Seine Überzeugung war, dass der Mensch in jeder Situation und selbst unter schwierigsten Bedingungen Sinn finden kann. Und schließlich haben mich die vielen Menschen geprägt, die ich im Laufe meines Leben in Krisen und Krankheit begleitet habe, davon einige auch auf dem Sterbebett. Das waren und sind für mich die größten Lehrstunden des Lebens.
Junge Menschen brauchen Menschen, die ihnen zuhören, Fragen ernst nehmen und ihren eigenen Glauben authentisch leben. Sie sind in erster Linie Gesprächspartnerinnen und -partner, vielleicht auch Vorbilder, die sie die Freude des Glaubens erahnen lassen.
Orientierung geben heißt zunächst einmal nur, aufgrund der eigenen Lebenserfahrung Möglichkeiten aufzuzeigen, in welche Richtung man gehen kann. Gehen muss man dann selbst. Gute Begleitung führt in die Freiheit und hilft Menschen dabei, selbst zu entdecken, was sie trägt und wohin ihr Weg führen könnte.
Dass Glaube als Pflicht erlebt wird, nehme ich heute kaum noch war. Wer heute ein Leben als Christin und Christ führt, entscheidet sich dazu, weil er oder sie erfahren hat, dass der Glaube das eigene Leben bereichert. Er eröffnet eine Perspektive, die über den Alltag hinausweist, und verleiht dem Leben Tiefe, Orientierung und Fülle. Ganz konkret zeigt sich das in einer hoffnungsvollen Haltung, die auch in schwierigen Zeiten trägt, im Einsatz für den Nächsten und in der Überzeugung, dass das eigene Leben wertvoll ist und ich gebraucht werde. In diesem Sinne ist der christliche Glaube eine echte Ressource: eine Quelle, aus der Menschen ein Leben lang schöpfen können, ohne dass sie versiegt.
Es ist der Grundauftrag der Kirche, Menschen zu einem gelingenden Leben zu begleiten und dabei die großen Fragen des Lebens nach Gott und dem Sinn von allem wachzuhalten. Auf diesem Weg als hilfreich empfinde ich ein Modell, das der Jesuit P. Josef Maureder entwickelt und den „Dreifachen Klang“ genannt hat. Er sagt, dass sich die Stimme Gottes im Leben eines Menschen in drei unterschiedlichen Dimensionen bemerkbar macht: 1. In der eigenen Lebensgeschichte sowie durch die eigenen Talente und Stärken (Frage: Was kann ich?). 2. In der inneren Sehnsucht und den eigenen Wünschen (Frage: Was will ich?). 3. Durch Impulse von außen, seien es eine Begegnung, eine Aufgabe, die mir anvertraut wird, oder ein Bibelwort, das mich anspricht (Frage: Was wird von mir verlangt?). Orientierung entsteht dort, wo diese drei Stimmen miteinander in Einklang kommen. Die Aufgabe von Begleitpersonen bestünde in diesem Sinn darin, jungen Menschen zu helfen, auf diesen Klang zu hören.
Habt keine Angst davor, selbst Suchende zu sein. Niemand muss alle Antworten kennen, um junge Menschen begleiten zu können. Oft sind die glaubwürdigsten Begleiterinnen und Begleiter jene, die ihre eigenen Fragen und Grenzen kennen. Jugendarbeit lebt von Beziehungen. Wer jungen Menschen aufmerksam begegnet, ihnen zuhört und sie ernst nimmt, vermittelt oft mehr Orientierung als durch viele Worte.
Wer andere begleitet, braucht auch selbst Orte und Zeiten, an denen man Kraft schöpfen kann. Dazu gehören für mich Gebet und Stille, Freundschaften und mir regelmäßig die Frage zu stellen: Was ist heute mein Auftrag?